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Innenansicht - Zweifel eines Arztes

Thomas Schweizer - Innenansicht - Zweifel eines ArztesThomas Schweizer

Der Autor Dr. Thomas Schweizer war während 27 Jahren Hausarzt in einer Vorortsgemeinde von Bern CH. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Von ihm im gleichen Verlag erschienen: »Die Dinge reden, wenn Du schweigst« Gedichte, 2011

Alles beginnt vor einem Schaufensterspiegel, in welchem ein junger Arzt sich selbst erblickt und etwas anderes sieht, als er erwartet hatte. Der Roman begleitet ihn von diesem Moment an durch seinen Praxis- und Spitalalltag. Das gibt einen intimen Einblick in die Medizin und zeigt den Zwiespalt und die Hoffnungen eines äußerlich erfolgreichen Hausarztes. Aber auch seine Schuld. Diese und eine neue Liebe sind die Akteure auf dem Schauplatz eines inneren Dramas.
Im Erleben des Arztes spiegelt sich ein Gesundheitssystem, das die Ärztinnen und Ärzte, die seine immer größer werdenden Versprechen erfüllen sollen, überfordert.

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ISBN: 978-3-95509-043-2
Paperback
Buchformat: 14,8 x 21,0 cm
256 Seiten
Erschienen: 20.8.2014
Ab 12 Jahren
Artikelnummer: 3955090434
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  • Schweizer, Thomas- Innenansicht-Zweifel eines ArztesSchweizer, Thomas
    geboren 1950 in Bern.
    Nach dem Medizinstudium eröffnete er eine Hausarztpraxis und lebt heute zusammen mit seiner Frau in Bern.
    Seine ersten Gedichte schrieb er vor sechs Jahren, kurze Zeit später erschien sein erstes Buch.
    »Die Dinge reden, wenn du schweigst« ist seine zweite Veröffentlichung.
    Thomas Schweizer: geschriebene Bücher:

    Die Dinge reden wenn du schweigstInnenansicht - Zweifel eines Arztes
  • Karl setzte sich ans Pult des leeren Sprechzimmers und gönnte sich ein paar Minuten Zeit. Frau Anger saß im Wartezimmer. Die CT-Untersuchung ihres Bauches hatte eine unregelmäßige Verdickung der Magenwand gezeigt. Zwei Lymphknoten waren vergrößert, eindeutig. Die Leber war sauber. Trotzdem, Stadium 3b, Prognose also schlecht. Der Befund war drei Tage vor dem Spaziergang mit Jan eingetroffen. Immerhin, sie war gekommen.
    Der Tyrann hatte geraunt, sie werde ihn gar nicht mehr aufsuchen. Karl strich die Hände seitlich über den Kittel und gab sich einen Ruck Richtung Wartezimmer. Er hatte sie dort lesen gesehen. Sie hatte den Kopf nicht gehoben. Nun nannte er ihren Namen und blickte sie freundlich an. Sie stand auf, erwiderte seinen Blick mit einem Anflug von Traurigkeit, wie ihm schien, ging aber mit sicherem Schritt vor ihm her und setzte sich wie gewohnt in den Sprechzimmerstuhl. Karl lehnte sich im seinen zurück und stieß einen Seufzer aus. Das schien ihm der ehrlichste Einstieg ins Gespräch zu sein.
    »Nun, wie geht es Ihnen?«, hob er an.
    Als sie nicht gleich antwortete, fragte er, ob sie nochmals beim Magen-Darm-Spezialisten gewesen sei. Sie hielt die Hände im Schoss verschränkt und schien so konzentriert zu sein wie er. Hundert graue Streifen durchzogen ihre dunklen, kurz geschnittenen Haare wie ein Feuerregen. Die schwarzen, immer noch glänzenden Augen wirkten distanziert.
    »Er hat gesagt, man müsse meinen Magen operieren und mit weiteren Spezialisten sprechen.« Sie sah ihn nicht an, schien über ihre Situation nachzudenken und hatte vielleicht die Hoffnung, dass er, der Doktor, sagen würde, alles sei nur halb so schlimm. Er hätte es gerne getan. Er trug neben dem kalten Wissen jede Menge Zuversicht in sich für alle seine Patienten. Vielleicht hat sie einen Groll, dachte er stattdessen und verspürte einen Druck im Bauch.
    »Sie sind wohl erschrocken, als Sie nach der Magenspiegelung von diesem kleinen Tumor hörten«, sagte er endlich. Das »klein« war hineingerutscht.
    »Ja, ich hatte keine Freude, aber nun weiß man zumindest, was es ist.« Beim zweiten Teil dieses Satzes hob sie die Augen. In ihrem Blick lag viel Traurigkeit, die ganze Bedrohung ihres Schicksals, ebenso wie Gefasstheit und Entschlossenheit. Ein Vorwurf lag nicht darin. Karl merkte es aber nicht, weil er nur dieses »nun weiß man wenigstens, was es ist« gehört hatte.
    »Ja, da haben Sie recht«, sagte er, und dann, nach einem Zögern, »wir haben Ihre Magenprobleme etwas lange dem Ärger in Ihrer Familie zugeschoben. Ich habe mir deshalb Vorwürfe gemacht.« Er atmete einen Moment lang weder ein noch aus, und erkannte nicht, wie gut dieser Satz bei ihr ankam. Stattdessen hatte er das Gefühl, schutzlos aus einem Versteck getreten zu sein.
    »Ich hatte wirklich allen Grund, Magenweh zu haben«, seufzte es nach einer Ewigkeit von weit her … Sie streifte kurz seinen Blick. War da Dankbarkeit, dass er immer zugehört hatte? Ihre hageren Hände lagen nicht mehr in ihrem Schoß, sondern hielten sich an den Stuhllehnen fest, als müsste sie Halt finden in ihrem doppelten Leid.
    Karl atmete wieder. »Ja, das dachte ich auch«, sagte er mit ruhigerer Stimme. Ihm war, als sei er in seinen Körper zurückgekehrt, und jetzt tat sie ihm leid, wirklich leid, zum ersten Mal. Er schämte sich dafür, dass sein Mitgefühl erst jetzt erwachte.
    »Hat Dr. ... Ihnen vom CT berichtet?«, fragte er.
    »Meinen Sie die Röhrenuntersuchung?«
    »Ja.«
    »Er hat gesagt, sie habe seine Untersuchungsbefunde bestätigt. Ich hätte ein Magengeschwür«, sie brauchte diesen zweideutigen Ausdruck, »und man werde sehen, ob vor oder nach der Operation noch eine Chemotherapie nötig sei. Sie sollten Bescheid erhalten«, fügte sie wie verloren an.
    Sie weiß, dass es bösartig ist, dachte Karl, sonst hätte sie das Wort »Chemo« nicht in den Mund genommen. Aber sie wusste nichts von den Lymphknoten, und nicht, dass die Chemotherapie in ihrem Fall keine Heilung bedeutete.
    »Ja, ich habe die ersten Berichte erhalten«, sagte Karl zu ihr, während er sich selbst erneut dafür schalt, dass er nur immer an sein Versäumnis und nie an sie gedacht hatte. »Die Probleme sollen jetzt zügig im Tumorteam besprochen werden. Man hätte es sich anders gewünscht, aber nun muss die Therapie entschlossen begonnen werden. Ich werde noch heute mit den entsprechenden Spezialisten telefonieren und Sie morgen anrufen.« Er war sich ganz sicher, dass es die reine Lieblosigkeit wäre, jetzt von der ernsten Prognose zu sprechen. Es gab immer ein Recht, für den Einzelnen zu hoffen. Die Statistik war Statistik, mehr nicht.
    Sie verabschiedeten sich. Er fühlte sich leichter. Sie vertraute ihm immer noch. Das tröstete ihn. Offenbar konnte man auch dann hilfreich sein, wenn man im eigenen Haus nicht souverän war. Karl wusste noch nicht, dass es den ›souveränen Arzt‹ nicht gab. Dass in jeder Ärztin und jedem Arzt das kleine Kind von früher steckte, auch wenn sie gelernt hatten, es zu verbergen. Der Magen-Darm-Kollege, der ihm so feindlich erschienen war, hatte bereits eine Besprechung im Tumorteam des Spitals organisiert. Karl verließ sein Sprechzimmer um 19 Uhr. Er war müde und glücklich.

    Im Treppenhaus hörte er ein leises Keuchen. Er blieb stehen und horchte. Ein Patient war das nicht. Die keuchten kurzatmiger. Es war auch kein Mann. Männer pusteten stärker. Er ging neugierig hinunter. Zuerst sah er eine riesige Kartonkiste aufsteigen, die von zwei ausgestreckten Armen gehalten wurde und das Gesicht verdeckte. Er stand mittlerweile auf dem unteren Treppenboden und war sich nun ganz sicher, wem die langen Finger, die schlanken Jeansbeine und die blauen Turnschuhe gehörten, die da vorsichtig nach oben stiegen.
    »Um Gottes Willen, kann ich Ihnen helfen?«, sagte er spontan, jedenfalls so spontan wie möglich, und glaubte eine kleine Überraschung durch die riesige Schachtel hindurch zu vernehmen. Er stieg schnell zwei, drei Stufen hinunter und ergriff die erstaunlich schwere Last. Dann ging er rückwärts die Treppe wieder hoch und drehte sich um. Erschöpfung und Überraschung ließen ihren Mund und ihre Augen eine Spur weniger stupend erscheinen. Sie deutete ein erstauntes Lächeln an und sagte mit heiterer Stimme: »Praktisch.«
    »In welches Zimmer?«, fragte er.
    »Das ganz rechts«, hörte er sie sagen. Er war bereits unterwegs zur Tür am Ende des Flurs. Im Zimmer stand eine Behandlungsliege, auf die er das Paket legte. Die Wand, die er beim Eintreten gesehen hatte, war farbig gestrichen. Es hingen auch schon passende Leinenvorhänge an den Fenstern.
    »Sie sind Herr Lebois, nicht wahr?«
    Eine winzige Enttäuschung stieg in ihm hoch. Was hatte sie denn gemeint? Seit drei Wochen okkupierte sie sein Gehirn.
    »Und Sie Frau Hirter?«, entgegnete er. »Ich hatte damals kaum Zeit, mich vorzustellen. Musste einen Hausbesuch machen. Ich hoffe, meine Kolleginnen und Kollegen haben Ihnen gesagt, dass uns ihre Physio-Praxis sehr gelegen kommt. Wir sehen jede Menge Schmerzen rheumatischer Art, und die Leute wollen keine Schmerzmittel mehr schlucken. Sie ziehen eine Physiotherapie vor.« Er ärgerte sich über seinen Kurzvortrag. Sie trug einen weiten, orange-farbenen Pullover mit langen Ärmeln und hatte die Arme gehoben, um die Haare inzwischen mit einem Gummi zusammenzubinden. Der ganze Körper hatte beim geübten Griff eine elegante Bewegung gemacht. Zum Schluss schüttelte sie kurz den Kopf. Das Gesicht mit den vollen Wangen erschien völlig natürlich.
    »Ja, wir freuen uns«, sagte sie, legte die Hände auf die Hüften und blieb vor ihm stehen. Sie war ein Kopf kleiner als er und blickte neugierig in seine Augen.
    Sie groß, ich klein, meldete sein verzauberter Körper. Süße Befangenheit drohte sich wie ein Netz über ihn zu legen. Es dünkte ihn, er werde schon wieder gewogen. Ihre letzten Worte luden ihn ein, es nochmals zu versuchen.
    »Ich freue mich auch«, sagte er. »Sehr sogar.« Er lachte nun offenherzig.
    Dann erinnerte er sich, dass die Gruppe sich vor vier Wochen bereits geduzt hatte, wie das üblich war unter medizinischem Fußvolk. »Ich heiße Charles«, fuhr er weiter und war ebenso erstaunt über diesen Vornamen wie über die Tatsache, dass er ihn genannt hatte. »Aber man nennt mich Karl«, fügte er schnell hinzu.
    »Vielleicht passen beide Namen zu dir?«
    Wie schnell sie war.
    »Ich bin die Judith«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, als würde sie das Netz anheben und darunter treten.
    »Wann wollt ihr denn anfangen?«
    »Am 15. September, in zwei Wochen. Du hast bereits einiges Gerät nach oben getragen.« Ihr frisches »du« wirkte wie ein kleiner, berückender Pfeil in seine Brust. Sie berichtete von ihren beruflichen Vorstellungen. Es war spannend. Seine Befangenheit wich. Er fragte nach und hütete sich davor, Fachwissen anzubringen. Dann erzählte sie von praktischen Dingen, über die geplanten Einrichtungen, und tat es mit der größten Selbstverständlichkeit. Er hörte zu nur noch halb zu. Ihre Wangen glänzten. Er meinte ständig, den Duft der Verführung zu riechen. Hundert kleine Küsse, fast ohne Berührung.
    Aber er gab sich einen Ruck und berichtete ebenfalls von seinem Gemeinschafts-Unternehmen, von den wechselvollen Erfahrungen in den Anfängen. Er deutete an, dass die Arbeit im Team zwar super sei, aber am Ende doch jeder seine Verantwortung allein nach Hause zu tragen habe.
    Sie wurde nachdenklich. Auf einmal sagte sie: »Das Ganze hier ist für mich wie ein neuer Start.« Ihre Stimme hatte eine andere Tonlage. Er spürte sofort, dass das eine private Aussage war.
    »Neustart«, wiederholte er nachdenklich und sah sie fragend an. Zu seinem Erstaunen lag etwas Verletzliches in ihren Augen. Sie ist allein, dachte er blitzschnell. Sie hat keinen Mann.
    Weil sie schwieg, machte er eine angedeutete Kopfbewegung in den Raum: »So wie ich es sehe, sind dir die ersten Meter schon gelungen.«
    Die Verletzlichkeit machte einer guten Laune Platz. »Dieses Gefühl habe ich auch«, sagte sie und schien froh zu sein, keine weiteren Erklärungen abgeben zu müssen.
    Es war dämmerig geworden. Bereits halb neun. Vielleicht möchte sie noch einen Moment in ihren zukünftigen Räumlichkeiten verbringen, dachte Karl.
    »Bis bald«, sagte er zum Abschied, drehte sich aber unter der Tür nochmals um, »und rufe mich bitte, wenn ich irgendwelche Kisten in deine Zukunft tragen kann.« Eine Heiterkeit huschte über ihr Gesicht. »Lausebengel, Charmeur!«, schien sie zu sagen.
    Karl musste sich zwingen, die Treppe nicht in Riesensätzen hinunterzuspringen, wie er es als kleiner Knabe im alten Haus getan hatte, wenn er die Stimme seines Großvaters, des alten Pfarrers, hörte. Der holte ihn jeweils ab, um mit ihm etwas zu unternehmen. Immer schloss er den kleinen Knaben zuerst einen Moment lang in die Arme, als könnte alle Welt zusammenbrechen, er aber fände bei ihm einen sicheren Schutz.


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